Begegnung mit dem Orient
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Oh Marokko

Meine Geschichte über Marokko zu erzählen, geht das überhaupt? Wahrscheinlich ist die Geschichte, die ich über Marokko erzählen kann, eine Geschichte der Illusionen, Träume und des Nicht-Kennens. Ich kenne Marokko nicht, sprich ich war nie persönlich dort. Obwohl ich seit über fünf Jahren eine mehr oder wenige turbulente Beziehung mit einem Marokkaner führe, hat sich nie die Gelegenheit ergeben, dorthin zu reisen. War meine Sehnsucht zu Dir nicht groß genug, oh Marokko? Der Wunsch war oft da, dich kennen zu lernen, immer begleitet von der Bitterkeit, dass es doch nicht geklappt hat. Mittlerweile denke ich, was nicht sein soll, das soll nicht sein. Wir werden sehen, was passiert. Ob wir uns jemals im realen Leben begegnen werden? Bis jetzt habe ich dich immer knapp verpasst. Vor über sechs Jahren habe ich mir einen Reisepass machen lassen, mit der Absicht dich während meines Studiums zu besuchen. Aber es kam anders. Jetzt läuft der Pass ab und sechs Jahre sind rum. Er steht für die verpassten Chancen, dich kennen zulernen, die stattdessen Chancen für andere Länder eröffneten. Marokko, al-Maghrib, das Land im Westen Nordafrikas, wo die Sonne untergeht. Bekannt bist du mir nur aus Literatur, Fernsehen, Kunst und Bildern, die mein Freund von seinem Zuhause machte. Deinen Geist erahnte ich aber bereits im alten Andalus, höre ich in deiner Musik und schmecke ich in deinem Essen.Marokko, du unbekanntes Land. Marokko, das Land der schillernden Farben, der Gewürzen, der Mosaike, des Djemaa al-Fna, der Sahara, der Königsstädte, der Fantasia, der Kamele, der Souks, des köstlichen Essens wie Couscous, Msmen, Tajine, wie natürlich des Aty bi na3na3 und vieles mehr, was ich gar nicht alles aufzählen kann. Atay trinke ich zum Beispiel jeden Tag und mein Freund kocht oft für uns Marokkanisch. Ich selbst schrecke vor deiner raffinierten Küche zurück. Ich fühle mich zu fremd Dir gegenüber, als dass ich dein Herz, nämlich deine Esskultur, berühren dürfte. Außer bei Msmen. Hier bin ich dir mit meinem Herzen zum Backen nahe.Auch spreche ich Arabisch/Marokkanisch, ohne jemals dich betreten zu haben. Was für eine Farce. Stattdessen besuchte ich deine alte Schwester, die Stadt Granada in Andalusien. Hier konnte ich Teile deines Herzens, deiner Kultur erspüren. Im Schatten der Alhambra lernte ich bei Marokkanern Arabisch, feierte mit Ihnen Feste, streifte durch die Altstadtgassen, die an arabische Souks erinnern und fühlte mich Tanger, Tétouan und Chefchaouen nie näher.Ich lebe mit einem marokkanischen Mann zusammen, manchmal essen wir zusammen Marokkanisch. Aber ansonsten kenne ich Dich nur aus Bildern seinen Heimatbesuchen. Die Personen auf diesen Bildern sind mir einerseits fremd, andererseits vertraut durch Erzählungen. Ein selbständiges Urteil über sie kann ich mir nicht bilden. Wahrscheinlich muss ich das auch nicht. Früher warst du ein Traumziel, vor allem am Anfang unserer Beziehung. Da wollte ich alles wissen über das Heimatland meiner ersten großen Liebe. Mittlerweile sind die Jahre ins Land gegangen und ich habe die Gelassenheit gewonnen, den Abstand zu Dir, oh Marokko, zu ertragen.Sag mir, oh Marokko, wie sind deine Bewohner? Die ich traf, erlebte ich als sympathisch Menschen, die eine innere Gelassenheit ausströmten. Es waren Marokkaner, die mir Disziplin und die Liebe zur arabischen Sprache beibrachten. Ein Schatz, den ich bis heute in meinem Herzen hüte. In tiefer Erinnerung sind mir die Erzählungen geblieben, die mir einer meiner Arabisch-Lehrer zu seiner Einschulung erzählte. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass dieser sprachgewandte und intelligente Mann fast Analphabet geworden wäre, hätte nicht das Schicksal es gut mit ihm gemeint. Aber es ist seine Geschichte die erzählen muss, nicht meine. Meine engste Verbindung zu Dir, oh Marokko, ist mein Geliebter. Oh Marokko, wie oft habe ich dich gehasst, dass du ihn mir entriss. Oh Marokko, wie oft habe ich dich gerade dafür geliebt, dass du ihn mir schenktest. Aber er ist genauso wie Du. Einerseits vertraut und anderseits mir so fremd, dass es weh tut. Eins habe ich gelernt und zwar das Warten. Er wartet und wartet und wartet. Währenddessen fließt viel Wasser den Fluss hinunter. Es fühlt sich immer mehr als den Punkt an, an dem die Kluft zwischen mir und ihm uns auseinander triftet. Es ist wie das Warten in Marokko auf den Regen. Warten könnt ihr geduldig darauf, während der Regen in Europa an Überfluss vorhanden ist. Vielleicht verhält es sich genauso auch mit dem Entscheiden. Entscheidungen zu fällen, fällt mir leicht, während mir auffällt, dass mein Lieblingsmarokkaner darauf wartet, dass eine Entscheidung gefällt wird. Bist du auch so ein abwartendes Land? Wartest du einfach ab, dass es dir irgendwann besser geht? In Dir herrscht immer noch viel Armut im Schatten der alten Paläste. Aber wer braucht schon materiellen Reichtum, wenn er kulturellen hat.Oh Marokko, ich sah Dich immer nur aus der Ferne. Du bist für mich wie eine Fata Morgana, ein Sarāb, wie es in der Sahara gibt und dem einsamen Wanderer Wasser vorgaukelst. Du schimmerst verlockend für mich in der Ferne und, immer wenn ich dich greifen will, verschwindest du.
16.6.16 12:43


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